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Der Traum vom Anderssein



~ 1. Kapitel  ~


Beinahe völlig lautlos bewegte sie sich durchs Unterholz. Einem Schatten gleich. Nur selten knackten leise kleinere Äste unter ihren Schritten. Übermütig sprang sie zwischen den Bäumen umher. Sie sprühte vor Lebensfreude.
War da nicht etwas? Einige Meter vor ihr? Dort bewegte sich doch eindeutig etwas? Sie spitzte die Ohren und blickte wie gebannt zu der Stelle. Dann sprintete sie los. Immer schneller wurde sie. Sie schien fast zu fliegen.
Das aufgeschreckte Kaninchen sprang verängstigt zurück in seinen Bau. Darüber war sie keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. Das Kaninchen konnte es nicht wissen, aber ihr war es nicht etwa um Nahrungsbeschaffung gegangen. Das Laufen bereitete ihr einfach riesige Freude. Immer, wenn sie so schnell durch Wälder und über Wiesen rannte, fühlte sie sich so richtig unbeschwert und frei. Beim Laufen spürte sie regelrecht, wie die schweren Ketten, die um ihr Herz lagen, zersprangen. Niemand, der ihr sagte, was sie zu tun oder zu lassen habe. Keine lästigen Pflichten. Niemand, der ihr sagte, sie sei zu alt für solche Albernheiten. Sie atmete tief durch. Frei. Endlich mal wieder frei! Freiheit. Wer weiß schon, was Freiheit ist? Für die meisten ist es bloß ein Wort. Sie jedoch war eine der wenigen, die um die wahre Bedeutung wusste.

Fröhlich – auch wenn man ihr das vielleicht nicht ansah – sog sie die herrlich frische, duftende Waldluft ein. Sie erinnerte sich, wie sie als Kind in diesem Wald gespielt hatte. Hm... Wald? Naja, eigentlich war es nur ein kleines Waldstück, das aus wenigen Bäumen bestand. Aber das war ihr egal. Ihr genügte es.
Was war das für ein unheimliches Geräusch? Da! Da war es schon wieder! Es hallte durch das ganze Wäldchen. Über ihr bewegte sich etwas. In einer der Baumkronen entdeckte sie eine Eule. Interessiert blickte sie zu dem Vogel empor. Doch schließlich setzte sie ihren Weg fort.
Aber halt – was war das für ein Geruch, der ihr plötzlich in die Nase stieg? Sie hielt inne und schnupperte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Dieser Geruch - das konnte nichts Gutes bedeuten, oder? Ein wenig ängstlich sah sie sich um. Ihre leuchtend goldbraunen Augen erblickten ein Mädchen am Waldrand. Das Mädchen schaute zu ihr und sie erwiderte den Blick. Sekundenlang stand sie so da. Dann entschied sie sich, weiterzulaufen. Nein, noch wollte sie nicht zurück- zurück in den „Käfig“ namens Zivilisation.

Alles auf Anfang
oder
Zurück zu den Wurzeln

Lupina drehte noch eine ausgelassene Runde durch das Wäldchen. Die Wölfin war froh, dass sich hier gerade kein Jäger herumtrieb.
Da sie jegliches Zeitgefühl verloren hatte, begab sie sich zum anderen Ende des Waldstücks und hielt nach der Sonne Ausschau. Es musste später Nachmittag sein. Höchste Zeit, zurückzukehren. Sie ließ es sich nicht nehmen, noch ein weiteres Mal durch das Wäldchen zu laufen, zurück zu dem Mädchen. Dort angekommen, blieb sie zögernd stehen. Vorsichtig sah sie sich um. Das Mädchen gab ihr ein Zeichen. Die Wölfin richtete sich langsam auf. Ihre Gliedmaßen und ihr Körper streckten und verformten sich. Als die Rückverwandlung abgeschlossen war, lief Lupina – die nun wieder Anna war - zu ihr.  „Entschuldige, ich habe völlig die Zeit vergessen.“  „Das kenne ich ja schon von dir“, erwiderte Sascha, wie das Mädchen hieß, lächelnd. „Ich weiß doch, wie sehr du ‚Lupina’ magst. Aber langsam wird’s Zeit für den Rückweg, meinst du nicht?“  Anna nickte. Gemeinsam marschierten sie den Weg entlang bis zu der Weide, auf welcher ihre Pferde standen und ritten zu Anna nach Hause.

***

Beinahe einstimmig hatten sich die Mitglieder des 'Circus Fantasy' dazu entschlossen, den Circus dieses Jahr bis auf wenige Sondervorstellungen pausieren zu lassen. So hatten endlich mal wieder alle mehr Zeit für sich, ihre Familien, Freunde und auch ihre Tiere. Die ersten Monate des Jahres verbrachten die meisten daher daheim bei ihren Familien.

Während Anna in ihrem Heimatort eine zeitlang wieder ihrem eigentlichen Beruf nachging, befand sich ihr Freund Benjamin in seiner Heimat England. Allerdings blieb er dort nicht lange. Genau wie früher, bevor es den Circus gegeben hatte, reiste er danach wieder mit Cassiopeia – der Kalderash – als deren 'Beschützer' und guter Freund durch Irland. Anna vermisste ihn und überlegte, ob sie ihr Versprechen, welches sie ihm gegeben hatte, nun endlich einlösen sollte: Schon lange hatte sie ihm versprochen, einmal nach England zu reisen und sich seine Heimat von ihm zeigen zu lassen. Doch noch konnte und wollte sie nicht hier weg.

Auch die anderen Circusmitglieder vermisste sie. Da war zum Beispiel Svenja, die sich oft um eines von Annas Pferden kümmerte. Svenja war nach Island zurückgekehrt, um sich wieder ein wenig mehr selbst um ihre Islandpferde-Zucht zu kümmern. Die strengen Gesetze Islands bereiteten ihr einige Probleme: Wenn sie beim Circus war, konnte sie nicht wie die anderen ihre eigenen Pferde mitnehmen und danach mit ihnen nach Island zurückkehren. Umgekehrt konnte sie auch nie ihr Pflegepferd mit zu sich nach Island nehmen. Es fiel ihr daher nicht immer leicht, ihre Pferde oder ihren Pflege-Araber zurücklassen zu müssen.
Dann gab es da noch Adriane, die zusammen mit Ben nach England gereist war, um sich von da aus in ihre Wahlheimat Schottland zu begeben. Dort wollte sie sich mit einem alten – sehr, sehr alten – Freund im schottischen Hochland treffen, worauf sie sich sehr freute. Mit seiner Hilfe wollte sie nebenbei ein wenig ihre Schwertkampfkünste auffrischen.
Von Johanna und Julius, die nur ab und zu beim Circus dabei waren, weil sie sich um ihren Gnadenhof kümmern mussten, hatte Anna gehört, dass sie derzeit eine neue Aushilfe anlernten. Bei dem Mädchen sollte es sich um eine Hexe mit großem Gespür für Tiere handeln.

Und all die anderen Hexen und Nichthexen nicht zu vergessen, die ebenfalls zum Circus gehörten...

***

Eigentlich hatte Anna am Abend eines ihrer Lieblingsbücher -Stephen King's ‚The Stand’- weiterlesen wollen, doch weit kam sie nicht. Sie musste an Janine denken. Janine, die ebenfalls eines von Annas Pferden als Pflegepferd hatte, und die durch ihre Blindheit so gar nicht ‚behindert’ war, war schweren Herzens nach Hause zurückgekehrt – in Stephen King's Heimat Bangor in Maine, USA. Viel lieber wäre sie jedoch mit ihren Freundinnen und Freunden zusammen geblieben. Beim Gedanken daran musste Anna schmunzeln. Denn vor einigen Jahren hatte das noch ganz anders ausgesehen. Als Anna Janine kennenlernte, hatte diese keine Freunde, da sie sich seit ihrer Erblindung kaum noch hinaustraute. Ihre Mutter hatte das aus Angst um sie auch noch unterstützt. Mit Hilfe von Anna und ein paar anderen Hexen - vor allem aber mit Blindenführhund Annabell - schaffte Janine es, der Einsamkeit und Dunkelheit zu entkommen. Heute merkte man ihr fast nichts mehr von ihrer Blindheit an.
Leider war Janines Hündin krank geworden und konnte nun nicht mehr als Begleithund arbeiten. Auch deshalb war Janine diesmal nur ungern in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie sollte dort einen neuen Hund erhalten, der Annabells Aufgaben übernehmen sollte. Anna und die anderen Circusmitglieder waren schon sehr gespannt auf das Wiedersehen. Sie fragten sich, ob es tatsächlich ein neuer Hund wurde - oder nicht doch ein 'Blindenführpony'.

***

Hauptsächlich durch Briefe und E-mails blieben die Circusmitglieder untereinander in Kontakt. Es war interessant zu sehen, wie sehr sich die Briefe in gewisser Weise ähnelten. Zu Beginn des Jahres schrieben die meisten noch, wie froh sie waren, mal wieder länger zuhause zu sein. Sie berichteten stolz von ihren Erlebnissen fern des Circusses. So schrieb Judy, dass sie die freie Zeit nutzte, um sich wieder um 'ihre' Wildpferde-Herde in den Weiten Kanadas zu kümmern. Freudig berichtete sie, wie der Leithengst – „The Nameless“ – sie sofort wiedererkannt hatte. Noch glücklicher war sie darüber, dass alle Tiere die verheerenden Waldbrände der letzten Zeit überlebt hatten. Jenny indes bedauerte es ein wenig, dass sie gar keine Zeit mehr für Streiche hatte, da sie sich - genau wie Gina - auf ihren Schulabschluß vorbereiten musste.

Als es auf Sommer zuging, klangen die Briefe nicht mehr ganz so fröhlich. Die meisten vermissten den Circus, das Reisen, vor allem aber das Beisammensein. So kam es, dass sich in den Sommerferien einige der Mädchen und Jungen genau wie früher (vor der Circusgründung) zu einem Treffen auf einer abgelegenen Wiese in Annas Heimatstadt verabredeten.

Anna ritt zusammen mit Sascha und Jenny, die in einem Nachbarort wohnte, zu der Wiese.
Die drei waren die ersten dort. Überglücklich galoppierte Jenny auf ihrem Norwegerwallach erst einmal quer über die Wiese. Endlich hatten zumindest die schulischen Prüfungen (an die Hexenprüfungen mochte sie gar nicht denken) und die 'normale' Schule für sie ein Ende.
Als nächstes kam Gina zusammen mit ihrer Schwester angeritten. Auch Gina hatte nun die Schule hinter sich. Kurz danach tauchte Samantha mit Abigail, Jake, Sarah und den eineiigen Zwillingsschwestern Tina und Eve auf. Während Tina und Eve etwas verdrießlich drein schauten, schien Jake ziemlich aufgeregt. Die anderen konnten sich schon denken, was mit den Zwillingen war. Sicherlich hatten sie wieder einmal einen ihrer Streiche gespielt und dafür Ärger mit Sam bekommen. Doch was war mit Jake? Er hüpfte wie wild zwischen den anderen umher und fragte ständig nach Johanna. Alle blickten fragend zu Sam, die leicht genervt erklärte: „Jake hat seine Liebe zum Lesen entdeckt. Er ist richtig süchtig nach diesen Büchern, die voller Halbwahrheiten über Leute unserer Art stecken.“  „Ich kann mir schon denken, was du meinst“, sagte Cassandra und blickte zu ihrer jüngeren Schwester Gina. Tina und Eve begannen zu kichern. „Wieso? Die Bücher sind doch toll!“ riefen sie gleichzeitig. „Das war ja klar. Wundert mich überhaupt nicht, dass ihr euch dafür interessiert, wo es in den Büchern auch ein immer zu Streichen aufgelegtes Zwillingspaar gibt“, erwiderte Gina lachend.  „Hey, wie wär’s, wenn wir unsere Pferde gegen Besen eintauschen? Das ist doch viel standesgemäßer!“ kam es von Sascha.  „Kennst du eine Hexe, die sich mit einem Besen fortbewegt?“ fragte Sam. „Nein“, antwortete Sascha etwas kleinlaut. „Noch so ein albernes Klischee, was man sich über uns erzählt.“

Ein Auto kam angefahren und hielt bei der Wiese. Johanna stieg aus, gefolgt von Jana und Jill - und einem Mädchen, welches den anderen unbekannt war. Das Mädchen trug Kleidung, die aus einem längst vergangenen Jahrhundert zu stammen schien. Ihr schulterlanges, gelocktes, braunes Haar leuchtete in der Sonne. Interessiert schaute sie sich um. Johanna war noch nicht weit gekommen, als Jake zu ihr stürzte und immer wieder „Bitte, bitte, bitte“ flehte, worauf Johanna ein energisches „Nein!“ erwiderte. Diesmal blickten alle leicht verwirrt zu Johanna. Genervt erklärte sie: „Das geht so schon eine ganze Weile. Jake will unbedingt Rosalie geliehen haben. Er gibt einfach keine Ruhe. Er will einfach nicht verstehen, dass Eulen kein Spielzeug und schon gar keine Postboten sind.“  Als Jake die Blicke der anderen auf sich spürte, zog er sich enttäuscht zurück. Nun endlich hatte Johanna Zeit, das fremde Mädchen den übrigen Anwesenden vorzustellen. Ihr Name war Merle. Sie war die neue Aushilfe, die Johanna derzeit auf ihrem Hof anlernte.
Anschließend setzten sich alle bei einem Picknick in der Mitte der Wiese zusammen. Merles warmherzige Art ließ den Eindruck erwecken, als gehörte sie schon ewig dazu.

Alle unterhielten sich angeregt. Als Anna von ihren Erlebnissen als 'Lupina' erzählte, entging ihr dabei nicht, wie Jake sie mit leuchtenden Augen anblickte. „Lasst mich raten: Harry?“ fragte sie in die Runde. Gina und die Zwillinge nickten. Doch noch jemand lauschte Annas Worten gebannt: Sascha. „Ich möchte das auch so gern mal ausprobieren“, meinte sie plötzlich. „Warum nicht“, antwortete Anna, nachdem sie sich umgesehen hatte und fuhr dann fort: „Hier ist gerade niemand in der Nähe. Du darfst es gern einmal probieren.“  Das ließ sich Sascha nicht zweimal sagen. Sie sprang auf, konzentrierte sich, drehte sich dann aber noch einmal um und fragte: „Was ist mit Lupina?“ „Heute nicht, sorry. Es muß ja auch nicht unbedingt sie sein, oder? Aber fang schon mal an.“  Lächelnd schloß Sascha die Augen und konzentrierte sich nun völlig auf das Vorhaben. Es dauerte einen Moment, dann endlich fing tatsächlich die Verwandlung an: nach und nach wuchs ihr ein graubraunes Fell und langsam nahm auch ihr Körper immer mehr die Gestalt eines Wolfes an. Da sie noch nicht viel Übung hatte, dauerte es bei ihr deutlich länger als bei Anna, doch sie machte ihre Sache bereits sehr gut.

Die Wölfin blickte mit ihren goldbraunen Augen zu den anderen, dann begann sie plötzlich zu schnuppern und lief kurz darauf zielstrebig von der Wiese zum benachbarten Grundstück. „Mist, ich hab vergessen, dass das ein Schafzuchtbetrieb ist!“ rief Anna und lief hinter Sascha her. Noch im Lauf verwandelte sie sich.
Aufgeregt sprang die Wölfin am Zaun hoch. Ein merkwürdiges, lautes Knurren neben ihr ließ sie jedoch innehalten. Sie sah sich um... und schaute direkt in die Augen eines Berglöwen. Die Wölfin sträubte ihr Fell, legte die Ohren an und fletschte die Zähne. Der Puma fauchte wild und drängte den Wolf vom Zaun weg. Mit einem Mal schüttelte die Wölfin den Kopf, erstarrte und blickte die Katze fragend an. Dann schien sie zu begreifen, fing an zu tänzeln und den Puma zum Spiel aufzufordern. Beinahe schien es, als würde die große Katze lächeln. Die Wölfin sprintete los, zuerst über einen Weg, dann quer über eine nahe Wiese, immer nach dem Puma Ausschau haltend. Der Puma jagte ihr in gestrecktem Galopp hinterher. Von Zeit zu Zeit hielt die Wölfin an, wartete, bis sich die Katze ihr bedrohlich genähert hatte, um dann wieder loszulaufen. Hinter einem großen Baum hielt sie erneut an. Die Katze duckte sich, ihr Schwanz zuckte vor Aufregung. Langsam schlich sie mit geschmeidigen Bewegungen, nah an den Boden gedrückt, näher an den Baum heran. Dann sprang sie auf und stürzte zu der Stelle, wo die Wölfin sein musste. Wieder standen sich die Beiden von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die Wölfin senkte ihren Oberkörper, streckte ihr Hinterteil in die Höhe und forderte so den Berglöwen erneut zum Spiel auf. So ging das noch eine ganze Weile. Schließlich trotteten beide Seite an Seite gemeinsam zurück zu der kleinen Gruppe, die noch immer auf der Wiese saß. Anna verwandelte sich bereits im Gehen zurück, Sascha erst, als sie wieder bei den anderen waren.  „Na hoffentlich hat das keiner gesehen. Ein Puma und ein Wolf, hier, in dieser Gegend“, meinte Johanna. „Keine Sorge, es war niemand in der Nähe“, versicherte Gina. Sascha setzte sich zufrieden lächelnd wieder auf ihren Platz. „Das war toll, einsame Spitze. Das müssen wir unbedingt irgendwann nochmal machen.“  „Gerne. Du warst wirklich gut, du hast den Wolf schnell unter Kontrolle bekommen. Ich sehe da gute Chancen bei der nächsten Prüfung. Du machst dich“, sagte Anna stolz. Sascha lief leicht rot an. Bisher hatte sie eher selten Lob bekommen, da sie noch bis vor einiger Zeit  ähnlich wie Jenny oder die Zwillinge ihre magischen Kräfte lieber für Streiche genutzt hatte - zum Missfallen der älteren Hexen.

Später am Nachmittag diskutierte die Gruppe, was sie gemeinsam unternehmen könnten. Beinahe alle wollten am liebsten wieder gemeinsam umherreisen und Abenteuer erleben – jedoch auch mal wieder außerhalb des Circusses.
„Über Felder und Wiesen galoppieren, ohne dabei von einer Straße aufgehalten zu werden, das wäre toll“, meinte Sascha. „In der Wildnis campen wäre genial“, sagte Jenny. „Wie wär’s mit Schweden?“ fragten Jill und Jana. „Oder Frankreich“, kam es von Anna. „Obwohl Irland auch nicht schlecht wäre...“  „England oder Schottland!“  „Australien!“  „Ans Meer und da schön am Strand liegen.“  „Oder am Meer entlang galoppieren.“  Wie sollte man sich da einig werden? In einem Punkt allerdings fiel es ihnen leicht: die Pferde sollten auf jeden Fall mit. Doch das erschwerte die Sache, nicht überall waren Pferde erlaubt. Etliche Vorschläge später fasste Jenny noch einmal alles zusammen: „Wo finden wir also einen Ort, wo wir ohne Ende reiten und im Wald campieren können, ohne auf wütende Jäger oder Bauern zu stoßen, wo es möglichst nur wenig Autos gibt, wo wir auch die Hunde mitnehmen können, wo wir mit den Pferden durchs Meer galoppieren und auch mal ganz für uns sein können und wo wir vielleicht auch mal unsere Fähigkeiten einsetzen können?“ „Ich weiß, wo“, erwiderte Gina auf einmal, sprang auf und war im nächsten Moment verschwunden.

Am nächsten Tag trafen sich alle auf Johannas 'Gnadenhof'. Auch Gina war wieder dabei. Und noch jemand war erschienen: Cassiopeia. Ben hatte einen Auftrag erhalten, weshalb er sie nicht länger hatte begleiten können. Außerdem war eines ihrer Pferde krank geworden und mußte pausieren.

Freudig erzählte Gina, dass sie einen geeigneten Ort gefunden hatte, einen Ort, an dem sie im letzten Jahr schon einmal gewesen waren. „Ich habe bereits mit dem Hexenrat gesprochen“, fuhr Gina fort, „sie erlauben es uns, allerdings nur unter zwei Bedingungen: es dürfen nur Hexen mit und wir dürfen niemandem dort sagen, was wir sind.“  Eve und Tina sprangen freudig herum, während Jake ziemlich enttäuscht aussah.  „Sei nicht traurig. Nächstes Mal machen wir etwas, wo du auch mit darfst. Vielleicht etwas, das mit Harry Potter zu tun hat, wenn du möchtest. In Ordnung?“ meinte Anna aufmunternd. „Versprochen?“  „Versprochen.“  Anna und Jake reichten sich die Hände.

Schnell stand fest, welche Hexen auf Reisen gehen würden: Jana, Jill, Eve, Tina, Abigail, Sascha, Jenny und Gina wollten gemeinsam los. Da es den anderen nicht geheuer war, die Zwillinge und die anderen Mädchen allein mit Gina loszulassen, einigten sie sich darauf, Sarah und Merle mitzuschicken. So konnten sie Merle auch gleich besser kennenlernen.
Die Mädchen begaben sich nach Hause, um zu packen. Später wollten sie sich alle wieder auf Johannas Hof treffen.

***

Gina bepackte mit den Mädchen einen kleinen Planwagen, während Merle und Johanna die Tiere auswählten, die mit sollten. Anna schaute bei der Gelegenheit nach ihrer Stute, die auf dem Hof lebte. Cassiopeia begleitete sie. Sarah war daheim in Australien geblieben, von wo die anderen sie später abholen wollten.

Nachdem der Wagen fertig bepackt und die Pferde zugeteilt waren, ging es langsam ans verabschieden. Zögernd kam Merle auf Anna zu. „Ich habe eine Frage“, begann sie vorsichtig, „ich würde gerne Jay mitnehmen. Ich hab mich in den letzten Tagen mit ihm angefreundet und ich glaube, der Falke könnte uns vielleicht hilfreich sein.“  Nach einem kurzen Zögern antwortete Anna: „Na gut. Wenn er nichts dagegen hat und du mir gut auf ihn aufpasst.“  „Wirklich?“ „Ja. Er könnte wirklich nützlich dabei sein.“  Überglücklich machte sich Merle auf den Weg, den Falken zu holen – begleitet von ihrer deutschen Dogge Tara.

Abigail fiel der Abschied am schwersten. Einerseits wollte sie mit ihren Freundinnen mit, andererseits wollte sie ihre beste Freundin Charleen, die wieder einmal ins Krankenhaus musste, nicht allein lassen. Sam, Charlies Mutter, schaffte es jedoch, Abby zu überzeugen, mitzureisen. Außerdem versprach Anna ihr, ihr sofort bescheid zu geben, wenn etwas war oder aber Abby zurückzuholen, wenn diese es nicht mehr aushalten sollte.
Johanna überreichte Abby die Zügel des Haflingers, den sie für das Mädchen ausgesucht hatte. Ihr eigenes Pony hatte Abby zuhause zurücklassen müssen, weil sie zu groß dafür geworden war. Mit gemischten Gefühlen stieg sie in den Sattel. Johanna begleitete sie noch bis zu dem „Raum-Zeit-Tor“, welches die Mädchen zu Sarah nach Australien bringen sollte. Auf einmal meinte Johanna: „Übrigens, Gismo gehört dir.“  „Was?“  „Na, du brauchst doch ein neues Pferd, oder?“ Ja, aber…” Abigail schaute zu Sam, die fröhlich nickte. „Sam hat schon alles geregelt. Viel Spaß.“  „Danke“, antwortete Abby noch völlig perplex.

Sehnsüchtig blickte Anna den Mädchen hinterher. Wie sehr beneidete sie sie, denn sie litt schon wieder unter starkem Fernweh. Sie wusste, dass sie nicht dorthin konnte, wo die anderen hin wollten – sie war zu alt. Oder gab es doch eine Möglichkeit? Schließlich war auch sie schon einmal dort gewesen. Sie verwischte den Gedanken und drehte sich betrübt um.  „Tir na n-Og könnte mal wieder etwas Bewegung gebrauchen. Gomez doch sicher auch?“  Cassie war neben Anna getreten. „Was meinst du?“ „Naja, jetzt wo Moon verletzt ist und ich daher nicht mit dem Wagen umherziehen kann, langweilt sich Tir na n-Og ziemlich. Er vermisst das Reisen. Also, wie wär’s? Ich spüre doch, wie sehr es auch dich hinauszieht.“  „Du hast ja recht. Was schlägst du vor?“  „Wie wäre es mit dem Ort, wo die Mädchen hin wollen? Wir könnten dort ja einen anderen Weg einschlagen. Ich hätte da auch schon eine Idee.“  „Das wäre toll. Aber meinst du, es wird uns gestattet?“  „Keine Sorge, das regel ich schon. Wir treffen uns hier nachher wieder.“  Damit verschwand Cassie. Auch Anna verschwand, um ihre Sachen zu packen und ihre Tiere zu holen.

Keine halbe Stunde später war Anna mit ihrem Fuchswallach Gomez und ihren Hunden Nova und Kelly zurück auf dem Hof. Ihr Blick fiel sogleich auf den schwarz-weißen Tinker, der in aller Seelenruhe auf einer nahen Weide graste. Das Pferd ließ sich selbst von dem Rottweiler, der plötzlich angelaufen kam und um es herumsprang, nicht aus der Ruhe bringen. Schmunzelnd beobachtete Anna, wie der Hund immer wieder –vergeblich– versuchte, das Pferd zum Spielen aufzufordern. Schließlich bekam sie Mitleid mit dem Tier und ließ ihre Hunde von der Leine, die sogleich zu dem Rottweiler liefen und mit ihm über die Wiese tobten.  „Wir können bald los“, ertönte eine Stimme hinter ihr.  „Dann haben wir die Erlaubnis?“ wandte sich Anna an Cassie. Das Kalderash-Mädchen nickte fröhlich.

***

Auch die Beiden gelangten zunächst durch ein ‚Raum-Zeit-Tor’ nach Australien. Die anderen Mädchen waren jedoch längst weitergereist. Da sie auf zwei mächtige Hexen warten mussten, die ihnen das Tor zum Zielort öffnen würden, vertrieben sie sich die Zeit damit, ein wenig am Strand entlangzureiten. Gebannt schaute Anna auf die Wellen. Plötzlich meinte sie: „Da will uns jemand hallo sagen.“ Dabei zeigte sie lächelnd aufs Meer. Cassie nickte zustimmend, als sie die riesige Flosse des Buckelwals aus dem Wasser ragen und kurz darauf aufs Wasser aufschlagen sah. Begeistert beobachteten die beiden den Wal, wie er immer wieder aus dem Wasser auftauchte, um sich dann mit sichtlicher Freude wieder hineinzustürzen.
Die beiden alten und mächtigen Hexen erschienen und rissen die Mädchen aus ihren Träumen. Ein letztes Mal blickte Anna zu dem Buckelwal. „Tschüß, Großer – und keine Sorge, deine Freundin kommt bald zurück“, flüsterte sie. Dann ging es durch das ‚Dimensions-Tor’ – hinein in eine Welt, in der es keine Erwachsenen mehr gab und Kinder das Sagen hatten.

***

Sie kamen fast an der Stelle heraus, wo sie auch das letzte Mal gelandet waren: an einem ähnlichen Sandstrand wie in Australien. Von den anderen Mädchen war nichts zu sehen, was verständlich war – im offenen Gelände war es viel zu gefährlich. Zu leicht konnte man entdeckt werden.  Anna bemerkte eine plötzliche Unruhe bei Gomez. Er drehte die Ohren in alle Richtungen und lauschte ängstlich. Tir na n-Og spitzte ebenfalls die Ohren.  „Was ist das für ein Geräusch?“  Sie schauten sich suchend um. Das Geräusch wurde lauter, etwas kam eindeutig näher. Gomez begann zu tänzeln. „Ein Flugzeug?“  „Hier? Aber das ist doch fast unmöglich!?“  Die Beiden waren überrascht.  „Da!“ meinte Cassie plötzlich. Ein großes Transportflugzeug – vom Typ her vermutlich eine ältere Militärmaschine – flog über sie hinweg. Anna gelang es mit Müh und Not, ihr Pferd wieder zu beruhigen, bevor es völlig durchdrehte. Tir na n-Og blieb weitaus gelassener. Das Flugzeug schien derweil am Himmel zu kreisen. „Was meinst du, wie stehen die Chancen, dass unsere Informationen falsch waren? Vielleicht sind wir ja doch nicht die einzigen Erwachsenen hier?“  „Nein, das glaube ich nicht. Der Virus hat sicher ganze Arbeit geleistet.“  „Aber Kinder, die so eine Maschine fliegen?“ Zweifelnd blickten sie zum Flugzeug, das weiter seine Runden zog.  „Wir sollten uns lieber langsam einen Platz für die Nacht suchen und dann gleich morgen früh weiterreisen.“
Während sie am Strand entlang ritten, entdeckte Anna auf einer der Dünen eine Frau. Doch als sie ein zweites Mal hinsah, war die Frau verschwunden. Da keine Fußspuren zu sehen waren, war sie sicher, dass ihr ihre Phantasie einen Streich gespielt haben mußte. Unbekümmert ritt sie weiter.

***

Pferdegewieher und Hundegebell weckten die Beiden schon früh am Morgen. Noch etwas schläfrig blickten sie sich um. Die anderen Mädchen kamen den Strand entlanggaloppiert, gefolgt von dem Planwagen, der im Sand nicht ganz so schnell voran kam, und den Hunden, die neben den Pferden herliefen. Cassie und Anna kamen aus ihrem Versteck hinter einer Düne hervor. Merle bemerkte sie als Erste und hielt die Gruppe an. „Was macht ihr denn hier?“ fragte sie überrascht. „Urlaub“, lachte Anna, „aber keine Sorge, wir wollen gleich weiter.“  „Das ist auch besser. Irgendein verrückter Stamm fällt gerade in die Stadt ein“, erwiderte Gina.  „Ja, das ist ’ne richtige Invasion“, meinte Jenny.  „Die sind mit Fallschirmen aus ’nem Flugzeug abgesprungen“, erzählte Jana. „Wir haben das Flugzeug gesehen“, meinte Anna und blickte dabei zu Cassie. „Sind das Erwachsene?“  „Nein“, rief Tina kichernd, „aber die meisten Kids hier dachten, es wären welche.“  „Das waren auch nur Kids, wie die anderen hier, aber ihr hättet mal sehen sollen, wie die rumlaufen, in Uniformen und mit Masken. Haben voll die Show abgezogen“, berichtete Eve. „Ja, und Abby und Sarah hätten sie fast geschnappt“, rief Jill leicht ärgerlich.  „Darum sind wir auch raus aus der Stadt. War vielleicht doch keine gute Idee, herzukommen“, meinte Abby.  „Kommt ihr mit, nach Hause?“ wollte Sascha wissen.  „Nein, wir wollten sowieso in eine andere Gegend.“  „Und wohin?“ Jenny blickte die beiden fragend an. „Rumänien“, meinte Cassie schmunzelnd. „Cool, können wir mit? Wir wollen noch nicht zurück“, riefen die Zwillinge.

Laute Motorengeräusche unterbrachen das Gespräch. Ein alter Lkw näherte sich dem Strand. Als er nicht mehr weiterkam, stiegen ein paar Jugendliche in Uniformen aus. Hinter dem Lkw tauchten nun auch noch zwei Strandbuggys auf. „Höchste Zeit, dass wir verschwinden. Die Buggys haben sicherlich mehr PS als wir“, rief Anna, dann meinte sie an Cassie gewandt: „Rumänien?“  „Rumänien“, nickte Cassie. Hastig packten sie ihre Sachen zusammen und schwangen sich auf ihre Pferde. Die Invasoren hatten die Mädchen und die Pferde längst entdeckt und kamen auf sie zu. Die Mädchen trieben die Pferde an und galoppierten so schnell es ging am Ufer entlang. Doch der Planwagen war den Buggys nicht gewachsen. Nicht mehr lange, und sie würden ihn eingeholt haben. Cassiopeia, die mit Anna hinter dem Wagen ritt, hielt an. „Was hast du vor?“ fragte Anna. „Ich werde sie ablenken.“ „Und wie?“ „Ich werde ihnen eine alte, irische Legende näher bringen.“ Dabei tätschelte sie Tir na n-Og’s Hals. „Nimm Merlin mit.“  „Viel Glück euch beiden“, meinte Anna, die verstanden hatte, rief Merlin zu sich und ritt dann weiter, gefolgt von ihren eigenen Hunden.

Die anderen Mädchen ritten nun landeinwärts, in der Hoffnung, dort möglichst ungesehen ein ‚Raum-Zeit-Tor’ öffnen zu können.
Cassiopeia blieb weiterhin stehen. Die lauten Motorengeräusche beeindruckten Tir na n-Og überhaupt nicht. Er vertraute seiner Besitzerin völlig, die auch in dieser Situation eine enorme Ruhe ausstrahlte. Die Buggys erreichten die Beiden. Sie hielten dicht neben dem Pferd, das zum Erstaunen der Fremden ruhig stehen blieb und ihnen nur einen scheinbar gelangweilten Blick zuwarf. Die Beifahrer stiegen aus und gingen auf Cassie zu. Als sie nach dem Pferd greifen wollten, bäumte sich Tir na n-Og urplötzlich auf und stieg auf die Hinterbeine. Die beiden Invasoren wichen ängstlich ein Stück zurück. Der Wallach schnaubte aufgeregt. Er wollte endlich loslaufen, doch noch hielt Cassie ihn zurück. Als sie sah, wie die Beiden scheinbar zu den Waffen griffen, schlug sie ihm ihre Hacken in die Flanken. Das Pferd preschte los. Es galoppierte mit erhobenem Kopf und wehendem Schweif am Ufer entlang. Die Jungen sprangen schnell wieder in die Buggys und nahmen die Verfolgung auf. Cassie vergewisserte sich immer wieder, ob ihre Verfolger auch an ihr dran blieben. Sie taten ihr den Gefallen und ließen sie nicht aus den Augen. Nach einigen Metern fiel der Tinker vom Galopp in Trab. Einer der Buggys überholte ihn, während der andere hinter dem Pferd blieb. Die Fahrzeuge verlangsamten ihre Fahrt. Cassie hielt Tir na n-Og an. Lobend klopfte sie ihm den Hals. Dafür, dass er eigentlich ein Kutschpferd war, hatte er auch als Reitpferd eine gute Ausdauer.

Die Buggys keilten Pferd und Reiterin ein und schnitten ihnen so mögliche Fluchtwege ab. Gespannt verfolgten Anna, Merle und die restlichen Mädchen aus einiger Entfernung das Schauspiel.
Die Kids in den Fahrzeugen schienen siegessicher. Cassie beugte sich über den Pferdehals und flüsterte dem Wallach ins Ohr: „Bereit für einen Besuch im ‚Land der ewigen Jugend’?“  Tir na n-Og schnaubte zustimmend. Das Kalderash-Mädchen sah lächelnd zu den Jungs, dann wendete sie ihr Pferd in Richtung Meer und ritt los. Sie galoppierte durch die Brandung geradewegs auf den Ozean zu. Das Wasser spritzte nur so unter den Pferdehufen. Den Jungen verging die Siegesfreude, schnell nahmen sie die Verfolgung wieder auf. Doch als sie merkten, dass das Mädchen vor ihnen weder die Richtung ändern, noch anhalten und umdrehen würde, kehrten sie ans sichere Ufer zurück. Ungläubig starrten sie von dort aus auf das Mädchen und sein Pferd. Auch die anderen Mädchen beobachteten mit angehaltenem Atem Cassie und Tir na n-Og dabei, wie diese immer weiter in die Meereswogen trabten. Schließlich waren die Beiden nicht mehr zu sehen.
Schnell, bevor sich die Aufmerksamkeit des fremden Stammes wieder auf sie richtete, öffneten die Hexen ein "Tor" - bestehend aus purer, magischer Energie - nach Rumänien. Aber sie zögerten noch hindurchzugehen, auch wenn es riskant war, da das helle gelb-orange Leuchten des Tores leicht entdeckt werden konnte.
Endlich, wie aus dem Nichts, erschien Cassie mit einem ziemlich nassen Tir na n-Og vor ihnen. Erleichtert atmeten die Mädchen auf. Nachdem sich alle vergewissert hatten, dass es den Beiden gut ging, begaben sie sich durch das Tor.


Auf ein Neues

Auf einer Lichtung in einem Wald in Rumänien hatten die Mädchen ein kleines Camp aufgeschlagen. Cassiopeia, die völlig erschöpft hier angekommen war, hatte sich erst einmal für einige Zeit neben ihrem ebenfalls erschöpften Pferd schlafen gelegt.
Dicht gedrängt saßen später alle um ein Lagerfeuer und aßen Stockbrot. Für sie war der Gang durch das ‚Tor’ nicht nur ein weiter Sprung vom anderen Ende der Welt nach Europa gewesen, sondern auch ein Sprung in eine andere Jahreszeit. Hier war es Frühlingsanfang und somit noch recht kalt.
Erst jetzt fanden sie Zeit, über die Ereignisse in der Stadt in Neuseeland und am dortigen Strand zu sprechen. „Was ist denn nun in der Stadt passiert?“ wollte Anna wissen.  „Ach, überall sind plötzlich solche Typen aufgetaucht wie die, die Cassiopeia verfolgt haben. Kamen da angefahren mit ihren alten Armeelastern und haben alle Kids, die in den Straßen herumliefen eingesammelt.“  „Mit unseren Tieren war es uns natürlich nicht möglich, uns zu verstecken. Und Sarah mit dem Planwagen konnte auch nicht schnell genug flüchten.“  „Ja, und außerdem hatten die irgendwelche merkwürdigen Waffen.“  „Erinnert mich bloß nicht daran. Ich habe jetzt noch Kopfschmerzen“, warf Sarah ein.  „Sorry, aber das sah zum Schreien aus“, kicherte Sascha, „da war so’n fieser, blonder Giftzwerg, der unbedingt zeigen musste, wie toll er ist. Er hat auf Sarah geschossen. Leider wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen, als er versuchte, die bewusstlose Sarah zu berühren. Zu dumm, dass er nichts von der magischen Aura wusste, die uns bei der Regeneration umgibt. Er hat voll einen gewischt gekriegt.“  „Der Arme. Er war echt cool drauf“, schwärmten die Zwillinge. „War ja klar, dass ihr ihn mochtet. Ihr könnt schließlich auch ganz schöne Giftzwerge sein“, konterte Jenny grinsend und sprang schnell auf, bevor sich die beiden Mädchen auf sie stürzen konnten.  „Ein anderer hätte währenddessen fast Abby geschnappt, doch Merle kam ihr zu Hilfe, bevor der Typ sie auf einen der Laster verfrachten konnte“, fuhr Sascha trotz der kreischenden Mädchen gelassen fort. „Sarah ist zum Glück schnell wieder aufgewacht und wir sind dann gleich aus der Stadt raus. Den Rest kennt ihr“, beendete sie die Erzählung.

„Das war übrigens ganz schön knapp“, meinte Gina an Cassiopeia gewandt, „ich dachte schon, du schaffst es nicht.“  „Das dachte ich einen Moment lang auch“, grinste Cassie. „Machst du so etwas öfter?“ wollte Merle wissen. Cassiopeia sah von den Mädchen – die bei dieser Frage kicherten – zu Merle und meinte lachend: „Nein, eigentlich nicht. Diese Variante des Teleportierens habe ich ehrlich gesagt bisher auch noch nie ausprobiert und ich habe es auch nicht so schnell wieder vor. Das hat mich einige Kraft gekostet.“  „Sah auch ganz schön gefährlich aus, als Tir na n-Og plötzlich stieg. Bisher dachte ich, ihn kann nichts aus der Ruhe bringen“, meinte Jill. Cassie und Anna sahen sich schmunzelnd an. „Wollen wir es ihnen sagen?“ „Hmm... okay.“ Cassie lachte. „Es braucht schon etwas mehr als ein paar Kinder in Kostümen mit Strandbuggys, um Tir na n-Og Angst zu machen. Das Steigen war ein Trick, den ich mir bei Anna und ihren Pferden abgeschaut habe.“  Anna stimmte ihr lächelnd zu.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Jana. „Wollen wir die ganze Zeit in Rumänien bleiben?“  „Jetzt, wo wir schon mal hier sind, könnten wir doch ein wenig umherreisen. Wann haben wir schon die Chance zu sehen, wie eine Welt ohne Erwachsene ist?“ meinte Jill. Tina und Eve, die sich wieder ans Feuer gesetzt hatten (jedoch nicht ohne dabei ständig zu Jenny zu schauen) nickten begeistert. Die Mädchen sahen sich der Reihe nach an. Schließlich standen Cassie und Anna auf, entfernten sich ein Stück von der Gruppe und berieten sich einen Moment lang. Als sie zurückkamen, meinte Anna: „In Ordnung, lasst uns diese verrückte Welt erkunden. Und keine Angst, wir lassen euch allein losziehen, wie es anfangs geplant war. Aber falls ihr uns braucht, werden wir in eurer Nähe sein. So lange ihr uns nicht braucht, werdet ihr uns auch nicht weiter bemerken. Wir wollen hier schließlich ein wenig Urlaub machen.“  „Ok, wohin geht’s?“ fragte Sascha begeistert an die anderen Mädchen gewandt. „Vor allem: wo treffen wir uns wieder, wenn es zurück geht?“ erwiderte Gina, „in Neuseeland war es einfach, aber wenn wir umherreisen...“  „Wie wär’s mit einer Rundreise und wir kommen hierher zurück?“  „Wie in ‚In 80 Tagen um die Welt’, oder wie?“ lachte Jenny.  „Och ne, lieber woanders hin.“  „Aber es muß ein Ort sein, wo uns die alten Hexen auch finden.“  Die Mädchen schauten ratlos drein.  „Habt ihr keine Idee?“ wandten sie sich an die beiden Ältesten unter ihnen. Anna und Cassie tuschelten noch einmal kurz miteinander, dann meinte Anna: „Also schön. Wir wüssten da vielleicht einen Ort. Wie wäre es, wenn wir euch grob in die Richtung lenken und wenn es Zeit ist, hinführen?“  „Ok. Aber alles andere überlasst ihr uns, bis zum Zeitpunkt der Abreise? Ihr werdet nicht weiter eingreifen, wenn wir es nicht wollen?“ Anna nickte zustimmend. Während die Mädchen sich darüber berieten, ob sie auch wieder einen Stamm bilden sollten, mit allem, was dazu gehörte (Stammesnamen, -symbol, etc), zogen sich Cassie und Anna zurück.

Als die Mädchen langsam schlafen gingen, winkte Anna Merle und Gina zu sich und Cassiopeia. Die beiden hatten sich entschieden, Gina und Merle das Ziel der Reise zu verraten. Da sie nicht wussten, ob es an jenem Ort nicht auch einen feindlich gesinnten Stamm gab, hatten sie sich noch einen möglichen weiteren Ort ausgesucht, den sie jedoch nicht preisgaben. Die Vier einigten sich darauf, dass Anna und Cassie ihnen von Zeit zu Zeit grobe Richtungs-Hinweise gaben, die aber mehr für die anderen Mädchen sein sollten, denen Merle und Gina das Ziel nicht verraten würden. „Cassie und ich werden morgen früh aufbrechen. Wundert euch also nicht, falls wir weg sein sollten“, beendete Anna das Gespräch.

***

Anna fiel das Schlafen schwer. Eine innere Unruhe hatte sie erfasst. So lag sie da und lauschte. Wie sollte sie auch schlafen, wenn etwas – oder jemand – sie rief?  „Heute nicht, aber vielleicht Morgen“, flüsterte sie. Doch würden sie sie, eine Fremde, überhaupt in ihrer Nähe dulden?

Auf einmal merkte sie, dass sie scheinbar nicht die einzige war, die noch wach war. Jemand öffnete den Reißverschluß des Zeltes, in dem die jüngsten der Mädchen schliefen. Anna richtete sich auf und versuchte zu erkennen, wer es war. Die Person schien Anna bemerkt zu haben, denn sie kam auf sie zu. Im schwachen Schein des Feuers erkannte Anna Abigail. „Na, kannst du nicht schlafen?“  Abby schüttelte den Kopf. „Das Geheul macht mir zuviel Angst. Es kommt immer näher.“  „Ach, Abby. Na komm her.“ Anna machte eine Geste, dass Abby sich zu ihr setzen sollte, was diese auch tat, dann fuhr sie fort: „Du brauchst keine Angst vor ihnen zu haben. Die Wölfe werden uns schon nichts tun. Sie haben viel mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen. Den ‚großen, bösen Wolf’ gibt’s nur im Märchen.“  „Aber sie sind so nah.“  Anna lauschte einen Moment, dann meinte sie überzeugt: „Sie werden uns nichts tun. Außerdem haben wir doch noch die Hunde.“  Abby sah sich um und meinte schmunzelnd: „Tara kannst du aber nicht mitzählen. Die schläft tief und fest und schnarcht so laut, dass sie die Wölfe gar nicht hört.“  Die Beiden lachten leise.

Plötzlich hörten sie ein Geräusch hinter sich. Vorsichtig blickten sie sich um... und atmeten erleichtert auf. Merlin, Cassies Rottweiler, lief hinter ihnen am Rand des Camps entlang, wobei er immer wieder zum Wald schaute. „Na also, zumindest Merlin passt auf. Du kannst beruhigt schlafen gehen.“  „Na gut“, sagte Abby gähnend und stand auf. Ganz überzeugt schien sie jedoch noch immer nicht zu sein. Sie hatte sich schon zum Gehen gewandt, als sie sich noch einmal umdrehte. „Wieso schläfst du eigentlich nicht?“  „Wegen der Wölfe“, grinste Anna. Abby war zuerst leicht verdutzt, dann überlegte sie kurz und verstand schließlich. „Wie kannst du Wölfe nur so lieben, wo doch einst ein Werwolf-Fluch auf dir lastete?“  „Tja, weißt du, meine Liebe zu diesen Tieren war meine größte Waffe gegen die Hexe, die den Fluch ausgesprochen hatte.“  Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Nur gut, dass Jake nicht hier ist.“  „Weiß er eigentlich davon?“  „Nein, bisher nicht und ich hoffe, das bleibt so.“  „Ich werde es ihm jedenfalls nicht erzählen“, meinte Abby und kehrte ins Zelt zurück.

***

Als Cassie und Anna früh am Morgen aufstanden, waren die anderen noch fest am schlafen. Unter den wachsamen Augen von Jay C, dem Falken, packten die beiden leise ihre Sachen zusammen und sattelten ihre Pferde. Nur schwer ließen sich Annas Hunde von den beiden anderen Hunden - Fang und Wolf - trennen, die bei den anderen Mädchen bleiben sollten. Anna legte noch eine Notiz für die Mädchen hin, dann brachen sie auf.

***

Noch ein wenig müde verließ Abby das Zelt. Sie merkte gleich, dass Anna und Cassie fort waren. Merle war bereits wach und kümmerte sich um das Feuer. Gemeinsam bereiteten sie anschließend das Frühstück. „Hast du die Beiden noch gesehen?“ fragte Abby.  „Nein, sie waren schon weg. Ich habe nur eine Nachricht von Anna gefunden“, antwortete Merle. Langsam standen auch die anderen auf und fanden sich zum Frühstück ein. Als alle versammelt waren, holte Merle Annas Notiz hervor und sagte zwinkernd: „Das hier ist wohl ein Hinweis, wo die beiden hin sind. Nach dem Frühstück brechen wir auf.“ Dann reichte sie den Zettel weiter.  „Was soll das denn heißen?“ fragte Jana verwundert.  „Das ist ein Lied“, erklärte Gina lachend nach einem Blick auf den Zettel und las vor:

„How d'you do, I see you've met my faithful handyman
He's just a little brought down because when you knocked
He thought you were the candyman.
Don't get strung out by the way that I look,
Don't judge a book by its cover
I'm not much of a man by the light of day,
But by night I'm one hell of a lover
I'm just a Sweet Transvestite from Transexual, Transylvania.”(*)

 

Gleich nach dem Frühstück malten sich die Mädchen ihre „Stammes-Symbole“ auf, auf die sie sich am Abend zuvor geeinigt hatten und kleideten sich ihrem „Stamm“ entsprechend. Da sie schon bei ihrem letzten Besuch in dieser Welt gesehen hatten, dass sich einige Kinder und Jugendliche hier andere Namen zugelegt hatten, suchten auch sie sich andere Namen aus. Dann brachen sie langsam auf.


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Glossar


~ Rechte: Alle Rechte an "The Tribe" gehören Raymond Thompson und Cloud9. ~
Diese Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken.

(*) "Sweet Transvestite", Rocky Horror Picture Show, von Richard O'Brien