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Es spukt!

Silbern schimmerte das Wasser im Licht des Vollmondes. Scheu näherten sich die vier weißen Hirsche dem See und tranken ein paar Schlucke. Dabei sahen sie sich immer wieder misstrauisch um, immer bereit zur Flucht.
Verträumt blickte Elisa von ihrem Fenster aus zum See.  Plötzlich schreckten die Hirsche auf und rannten davon. Ein dunkler Schatten erschien am Ufer. Es dauerte einen Moment, bis Elisa merkte, daß er zur Burg herüber kam.  Immer deutlicher wurden dabei die rotglühenden Augen der unheimlichen Gestalt sichtbar.

Auf einmal schien es, als ob das Wesen empor schwebte und Elisa begriff, daß es sie gesehen haben mußte. Ängstlich tauchte sie ab.  Endlose Minuten hockte sie - eng an die Wand gedrückt - unter dem Fenster und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Doch nichts geschah, alles blieb ruhig. Vorsichtig richtete sie sich wieder auf - und blickte in zwei stechend rotglühende Augen! Das Wesen war direkt vor ihrem Fenster!  Panisch wich Elisa zurück. Vor Schreck bekam sie jedoch die Zimmertür nicht auf.  Sie schluckte einmal kräftig und sah dann noch einmal zum Fenster. Doch dort waren nun keine roten Augen mehr zu sehen, sondern die goldbraunen einer Eule, die auf dem Fenstersims saß.

Elisas Herz pochte so sehr, daß es zu hören sein mußte, als sie sich langsam wieder dem Fenster näherte.  Die Eule blickte noch einmal zu ihr, dann flog sie davon. Von der unheimlichen Gestalt fehlte jede Spur. Als sie Meg, die 'Schloßkatze', am See entdeckte, atmete sie erleichtert auf. Die Katze wirkte ruhig und Elisa wußte, daß Meg nichts entging und sie keine Fremden auf dem Gelände duldete. Elisa wartete noch eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte und sicher war, daß dort draußen wirklich niemand war, dann ging sie zu Bett. Schon bald fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Doch kurz darauf wurde sie von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Lautes, unmenschliches Stöhnen und Ächzen drang von draußen herein. Es schwoll mehr und mehr an. Dann gab es einen lauten Knall und ein seltsames knarrzen. Im nächsten Moment hörte Elisa etwas gegen das Fenster klopfen. Aus den Augenwinkeln heraus erkannte sie eine Hand, deren lange, knorrige Finger gegen das Fenster klopften.  Im Nu war die Panik wieder da. Elisa verkroch sich unter ihre Bettdecke. Sie hoffte daß, wer auch immer vor dem Fenster war, dieses nicht aufbekam und erst recht nicht hereinkam.

Als die Schulglocke am nächsten Morgen läutete, um die Kinder zu wecken, wurde Elisa klar, daß sie trotz allem irgendwann eingeschlafen sein mußte. Sie machte sich fertig und ging zum Speisesaal hinüber. Dort unterhielten sich die anderen schon aufgeregt über ein starkes Unwetter, das in der Nacht über dem Internat gewütet haben sollte.
"Sag bloß, du hast davon nichts mitbekommen?" wurde Elisa gefragt.  "Nicht einmal, daß die alte Eiche auf eurer Gebäudeseite umgestürzt und gegen die Burg gefallen ist? Nur gut, daß die Mauern so dick sind."
Elisa erstarrte einen Augenblick, dann lief sie zu ihrem Zimmer. Als sie zum Fenster hinausblickte, sah sie dort die große, alte Eiche an der Burgmauer lehnen. Einer ihrer knorrigen Äste reichte bis ans Fenster. Elisa wurde schlagartig klar, daß ihr ihre Phantasie in der vergangenen Nacht einige Streiche gespielt hatte. Sie schwor sich, niemandem davon zu erzählen und nahm sich vor, kein solcher Angsthase mehr zu sein.

Einen Tag später, gegen Abend, schlich Elisa mit zwei Freundinnen hinunter in die Katakomben. Eigentlich hatten die Schüler hier nichts zu suchen, aber dieser Bereich mit seinen labyrinthartigen Gängen und dem unterirdischen Fluß war einfach zu verlockend.  Mit Fackeln bewaffnet durchstöberten die drei die Gänge.
In einem Raum - oder eher einer Höhle - entdeckten sie einen Käfig, in dem sich ein großes, wildes Tier befand. Um was es sich dabei genau handelte, war im Schein der Fackeln nicht richtig zu erkennen.

Plötzlich hörten sie hinter sich ein Geräusch und drehten sich erschrocken um. Doch dort war nichts. Als sie wieder zum Käfig blickten, stand mit einem Mal eine der Hexen vor ihnen. Die drei schrieen kurz auf, bis sie Anna erkannten. Elisa lächelte erleichtert. Auch Anna lächelte, doch es wirkte irgendwie unheimlich. Elisa überkam ein ungutes Gefühl. Sie blickte zum Käfig. Dieser war leer und die Tür stand offen. Auf einmal gab es einen kräftigen Luftstoß, der die Fackeln löschte. Die Mädchen standen in völliger Dunkelheit. Ein kehliges Knurren erklang, erst leise, dann lauter. Schreie gellten durch den Raum, verstummten. Dann hallte lautes Wolfsgeheul durch die Katakomben der Burg.

Die drei Mädchen wurden nie wieder gesehen. Niemand wußte, wohin sie verschwunden waren. Außer vielleicht Anna, aber diese schwieg.

***

Zufrieden legte Elisa den Stift beiseite und klappte das Heft zu. Dieser Aufsatz mußte ihr einfach eine gute Note einbringen.

ENDE
 

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