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Demetrius

Gabrielle saß zusammengekauert auf dem Bett in ihrem Turmzimmer in Caer Draig. Abwesend starrte sie auf die gegenüberliegende Wand. Vor ihrem geistigen Auge sah sie einmal mehr ihre beiden Pferde über die Wiesen des Internats galoppieren. Dann kamen sie freudig schnaubend auf sie zugetrabt. Die Pferde waren zum Greifen nah und Gabrielle streckte eine Hand nach ihnen aus. Doch plötzlich verschwammen die Bilder. Gabrielle blinzelte ein paar Mal - und fand sich in der Realität wieder.

Seit zwei Tagen war sie nun schon vom Circus zurück im Internat und hatte ihr Zimmer seitdem nur für kurze Momente verlassen. Hannah, die Lehrerin der Circus-Schule, hatte sie hergebracht und Gabrielle war ihr äußerst dankbar dafür, daß sie den anderen gleich nach der Ankunft verständlich gemacht hatte, Gabrielle in der nächsten Zeit besser in Ruhe zu lassen.

Ein weiterer Tag neigte sich dem Ende zu. Gabrielle fragte sich, ob sie wohl in dieser Nacht endlich etwas Schlaf finden konnte. Doch kaum hatte sie die Augen geschlossen und war eingeschlafen, begannen wieder die Träume, vor denen sie sich so fürchtete. Einmal mehr träumte sie von ihrem ersten Auftritt zusammen mit ihren Pferden in der Circusmanege, davon, wieviel Spaß ihr das gemacht hatte. Den Applaus des Publikums würde sie wohl nie vergessen.
Dann änderten sich die Bilder. Gabrielle sah in die weit aufgerissenen Augen ihres Wallachs Demetrius, sah ihn steigen, und schließlich hörte sie noch einmal das furchtbare, dumpfe Geräusch des Aufpralls. Gabrielle schreckte aus dem Schlaf. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie konnte noch immer nicht glauben, daß Demetrius tot war.

Es war so ein schöner Tag gewesen, die Sonne hatte geschienen und die Kinder hatten fröhlich hinter dem Circuszelt gespielt. Gabrielle war mit ihren beiden Pferden auf einem Spaziergang gewesen, doch auf dem Rückweg hatte ein unachtsamer Autofahrer Demetrius gestreift. Das Pferd war vor Schreck durchgegangen und direkt vor einen Lkw gelaufen. Ein paar der Circusmitglieder hatten den Unfall gehört und waren angelaufen gekommen. Während zwei der Helfer sich um Gabrielle gekümmert hatten und sie festhielten, hatte Johanna nach dem Wallach geschaut. Ihr Blick hatte Gabrielle genügt, um zu wissen, daß er tot war.

Gabrielle sah das Geschehen wie aus der Ferne, als wäre es nicht ihr, sondern irgend jemand anderem passiert. Sie versuchte wieder zu schlafen, doch etwas störte sie. Ihr Blick fiel auf ihr Bücherregal. Sie stand auf, griff zielsicher nach einem Buch, öffnete das Turmfenster und warf das Buch hinaus. Dann kehrte sie in ihr Bett zurück. Diesmal fiel sie - zumindest für kurze Zeit - in tiefen, ruhigen Schlaf.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, wurde ihr schlagartig klar, daß sie bisher nur an Demetrius hatte denken können. Seit dem Unfall hatte sie ihr anderes Pferd nicht mehr gesehen. Sie wußte, daß Veritas am Leben war und daß er sich genau wie sie, in Caer Draig befand. Hannah hatte nicht nur sie, sondern auch ihn hergebracht. Doch Gabrielle war durch den Schock völlig abwesend gewesen und hatte alles nur wie durch dicke Schleier wahrgenommen.

Es kostete Gabrielle einige Überwindung, ihr Zimmer zu verlassen. Daher verließ sie es auch erst, als sie sicher war, daß sich alle Schüler im Unterricht befanden. Was sie im Moment am wenigsten gebrauchen konnte, waren irgendwelche Mitleidsbekundungen.
Sie lief die Treppen hinab, den nächsten Korridor entlang, durchquerte den Innenhof und anschließend die Eingangshalle. Am Portal verließ sie jedoch der Mut. Wie würde Veritas wohl auf sie reagieren? Und hatte er vielleicht doch auch etwas abbekommen? Als sie jemanden näherkommen hörte, fasste sie sich ein Herz, durchschritt das Portal und lief hinüber zum Pferdestall.

Beim Betreten des Stalls überkam sie kurz die Hoffnung, daß sie den Unfall und die letzten Tage vielleicht nur geträumt hatte. Mit Herzklopfen ging sie vorbei an den Schulpferden, zu den Boxen, in denen ihre Pferde gestanden hatten. Doch beide Boxen waren leer und sahen nicht danach aus, als hätten in letzter Zeit Pferde darin gestanden. Gabrielle erstarrte.  So bemerkte sie Jódis, die mit einer Schubkarre durch die Stallgasse kam, auch erst, als diese schon fast vor ihr stand. "Gabrielle?", fragte Jódis hörbar erstaunt. Bevor sie noch mehr sagen konnte, rief Gabrielle aufgebracht: "Wo ist er? Wo ist Veritas?"  "Ganz ruhig, ihm geht's gut. Er ist auf einer Koppel am anderen Ende des Geländes. Wir dachten, er könnte erst einmal etwas Ruhe gebrauchen."
Gabrielle rannte aus dem Stall. Sie lief ein Stück in die Richtung, in der sich Veritas laut Jódis befinden sollte. Nach wenigen Schritten jedoch, in Höhe des Reitplatzes, hielt sie inne. Rhiannon befand sich gerade dort und bewegte Annas Wallach Gomez. Irgendetwas zog Gabrielle zu ihr.
"Wo ist denn Anna?" fragte sie sie verwundert, als sie den Reitplatz erreicht hatte.  "Hallo Gabrielle, Anna ist für ein paar Tage bei Johanna. Sie besucht ihre anderen Tiere. Schön, dich mal wieder außerhalb deines Zimmers zu sehen."  "Darf ich dich etwas fragen?"  "Sicher", antwortete Rhiannon.  "Aber du darfst mich nicht anlügen."  "In Ordnung. Worum geht es?"  "Was ist mit Veritas? Ist er wirklich ok?"  Ein Lächeln huschte über Rhiannons Gesicht. "Keine Sorge, es geht ihm gut. Er hat ein paar Schrammen abbekommen, nichts ernstes. Nichts, das nicht wieder völlig verheilt. Er steht mit Sirius zusammen auf der Koppel. Ich hoffe, du hast nichts dagegen."  "Nein, das ist ok. Er war schließlich noch nie alleine."  Gabrielle schaffte es nicht, die Tränen zurückzuhalten. Bevor Rhiannon noch etwas sagen konnte, rannte Gabrielle zurück in die Festung.

*

Erst am nächsten Vormittag traute sich Gabrielle erneut hinaus. Diesmal traf sie Anna mit Gomez beim Reitplatz an.  Eigentlich hatte sie vorbeigehen wollen, doch Anna hatte sie bemerkt und herangewunken. 
"Hallo, Gabrielle. Wie geht es dir?"  Gabrielle zuckte mit den Achseln. "Wie soll's mir schon gehen?"  "Entschuldige, da kam wohl wieder die Ärztin raus", erwiderte Anna leicht schmunzelnd. "Es freut mich, dich mal wieder draußen zu sehen. Rhiannon hat mir erzählt, daß du dein Zimmer gestern auch schonmal verlassen hast. Sie hat übrigens etwas von dir gefunden."  Gabrielle überlegte einen Augenblick, dann fiel es ihr ein: "Mein Buch?"  Anna nickte. "Du kannst es dir bei ihr abholen, falls du es wiederhaben möchtest."  "Nein, ich glaube, das kann und möchte ich nie wieder lesen", antwortete Gabrielle. "Sie kann es behalten oder jemand anderem geben."  "Ich werde es ihr sagen", erwiderte Anna. "Warst du eigentlich schon bei Veritas?"  "Nein. Ich traue mich nicht. Ich habe Angst, daß er ..."  "Daß er so ist wie das Pferd in dem Buch?"  Traurig nickte Gabrielle.  "Da mach' dir mal keine Sorgen. Es geht ihm gut."  Gabrielle schien noch immer skeptisch. Daher fügte Anna mit einem Zwinkern hinzu: "Und außerdem kümmert sich unser 'Pferdeflüsterer' um ihn."  "Wer?"  "Na Rhiannon", antwortete Anna, "sie hat sich seiner angenommen und du weißt doch, wie gut sie sich mit Pferden auskennt. Wollen wir zusammen zu ihm gehen?"  Gabrielle zögerte einen Augenblick, doch schließlich war sie damit einverstanden.  "Warte, ich bringe nur noch schnell Gomez in den Stall", sagte Anna.

*

Auf dem Weg zur Koppel sprachen beide kein Wort. Es half Gabrielle jedoch, nicht alleine gehen zu müssen. Das Gelände war alles andere als klein, aber es war ihr noch nie so groß erschienen wie in diesem Moment. Das lag vermutlich daran, daß sie nur selten einmal bis an seine Grenzen geritten war.  Endlich tauchte die Koppel vor ihnen auf. Sirius und Veritas, die beide Kopf an Kopf gegrast hatten, hoben die Köpfe und begrüßten ihre Besucher schon von weitem mit einem freudigen Wiehern. Gabrielle vergaß all ihre Ängste und lief zu ihrem Pferd. Glücklich schlang sie die Arme um seinen Hals. "Verzeih mir, daß ich so lange nicht nach dir gesehen habe", flüsterte sie. Dann trat sie einen Schritt zurück und begutachtete den Wallach. An seinen Beinen sah sie ein paar kleine Kratzer, ansonsten schien er tatsächlich in Ordnung zu sein. Anna stand derweil bei Sirius und streichelte ihn.

So froh Gabrielle auch darüber war, zumindest noch Veritas zu haben, konnte sie nun ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Anna kam zu ihr und legte tröstend einen Arm um sie. "Es tut mir so leid für dich. Ich kann mir gut vorstellen, wie es dir geht."  "Das ist genau das, was ich nicht hören wollte", erwiderte Gabrielle. "Ich glaube nicht, daß sich das irgendjemand vorstellen kann. Und du hast ja noch all deine Pferde."  Anna senkte den Kopf. "Nein, leider nicht. Beauty ist tot. Johanna mußte ihn vorgestern einschläfern."  "Oh, das wußte ich nicht. Das tut mir leid."  Anna fing an zu lachen. Gabrielle stutzte kurz, dann wurde ihr bewußt, was sie da gerade gesagt hatte. Trotzdem wollte sie von Anna wissen: "Wie kannst du da noch so fröhlich sein?"  "Na ja, weißt du, als Beauty zu mir kam, gaben ihm die Tierärzte keine große Chance mehr. Damals war er gerade einmal 12 Jahre alt gewesen. Vor kurzem ist er 30 geworden und da überwiegt die Freude, daß er noch 18 schöne Jahre erleben durfte. Was nicht heißt, daß ich nicht auch traurig bin."

Nach einer Weile kehrte Anna zur Festung zurück, während Gabrielle noch bei Veritas blieb. Sie setzte sich zu ihm ins Gras und schaute ihm beim Fressen zu. Gabrielle war noch immer furchtbar traurig und würde wohl die Bilder des Unfalls niemals völlig vergessen können, doch Veritas' Nähe tröstete sie und verdrängte die Bilder für eine Weile.

*

In den nächsten Tagen traute sich Gabrielle wieder mehr und mehr aus ihrem Zimmer und scheute auch nicht mehr die anderen Bewohner. Sie unternahm einige Spaziergänge mit Veritas über das Gelände, bis sie sich schließlich auch wieder in den Sattel wagte. Vorerst ritt sie ihn jedoch nur auf dem Reitplatz und auf dem Gelände. Die Straße, die nach Caer Draig führte, war zwar nur sehr wenig befahren, trotzdem hatte sie davor noch Angst. Rhiannon gab ihr ein paar zusätzliche Reitstunden, mit der Hoffnung, ihr vielleicht auf diesem Weg die Angst ein wenig nehmen zu können.

Es dauerte noch einige Zeit, bis Gabrielle genügend Mut aufbrachte und Rhiannon bat, zusammen mit ihr die Straße entlang durch das Hochland zu reiten.
Gabrielle wartete mit dem gesattelten Veritas beim Reitplatz und versuchte, ihre Aufregung in den Griff zu bekommen, damit diese sich nicht auch noch auf ihr Pferd übertrug. Bewundernd beobachtete sie, wie Rhiannon auf sie zukam, Sirius frei neben sich herlaufend. Als sie Gabrielle erreichte, fragte sie sie: "Bist du bereit?"  "Ja, ich denke schon."  Rhiannon strich Sirius sanft über die Nüstern und schwang sich anschließend auf seinen Rücken. "Na dann komm", meinte sie freundlich. Gabrielle rührte sich jedoch nicht, sondern blickte gebannt zu den Beiden.  "Was ist los?", wollte Rhiannon wissen.  "Entschuldige, aber ihr zwei bringt mich immer wieder zum Staunen. Hast du ihn eigentlich je mit Zaumzeug und Sattel geritten?"  "Nein, nie", lachte Rhiannon und tätschelte den Hals ihres Pferdes, "das würde Sirius wahrscheinlich auch nicht so toll finden. Er ist eben etwas besonderes." Dabei zwinkerte sie. "Kann es losgehen?"  Gabrielle nickte.

Anfangs war sie noch äußerst angespannt, doch mit der Zeit verflog Gabrielles Furcht vor einem möglichen erneuten Unfall weitestgehend. Das verdankte sie Rhiannon, die es verstand, sie abzulenken. Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlte sie sich befreit, erstmals konnte sie wieder richtig lachen. Sie wußte, daß es noch ein langer Weg war, bis sie die Ereignisse einigermaßen verarbeitet haben würde, doch ihr wurde klar, daß sie es schaffen konnte. Wie heißt es immer? 'Das Leben geht weiter.' Und dann war da ja noch Veritas, der ihr dabei helfen konnte und der schließlich ihre Fürsorge benötigte.

ENDE
 

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